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HB9V · Funkamateure des Kantons Waadt

Ein Funkamateur decodiert das Signal der Sonde Tianwen-2

● 1. Juni 2026 · 15 Min. Lesezeit

📡 Wenn ein Funkamateur eine chinesische Sonde auf dem Weg zu einem Asteroiden empfängt

Dutzende Millionen Kilometer von der Erde entfernt fliegt die chinesische Sonde Tianwen-2 einem merkwürdigen erdnahen Asteroiden entgegen. Derweil ist es dem spanischen Funkamateur Daniel Estévez (EA4GPZ) von den Niederlanden aus gelungen, ihre Telemetrie im X-Band zu empfangen und zu decodieren, mit einem historischen Radioteleskop von 1956. Ein eindrücklicher Beweis, dass die Beobachtung interplanetarer Sonden nicht mehr das Monopol der grossen Raumfahrtagenturen ist. Ein technischer Blick auf diese Leistung und auf die aussergewöhnliche Mission, die sich damit verfolgen lässt.

📻 Daniel Estévez EA4GPZ 📡 X-Band · 8428 MHz 🔭 Dwingeloo 25 m ☄️ Kamo'oalewa
8428.19 MHz Trägerfrequenz (X-Band)
25 m Antennendurchmesser Dwingeloo
16384 Baud Telemetrierate
Juni 2026 Ankunft bei Kamo'oalewa

Im Mai 2026 machte eine Nachricht in Kreisen von Funkamateuren und Raumfahrtbegeisterten die Runde: Ein unabhängiger Operator hatte die Telemetrie einer chinesischen Sonde auf dem Weg zu einem Asteroiden decodiert. Die Geschichte, aufgegriffen unter anderem von Hackaday und Korben.info, verdient einen genaueren Blick, denn hinter der Anekdote steckt eine echte Lektion in Funk, Signalverarbeitung und Weltraumforschung. Dieser Artikel greift die ursprüngliche Meldung auf und erweitert sie deutlich: Wer ist dieser Funkamateur, wie funktioniert die Decodierung wirklich, was ist Tianwen-2, und warum liegt eine solche Leistung heute in der Reichweite einer Gemeinschaft von Begeisterten?

📻 Daniel Estévez (EA4GPZ), Funkamateur des fernen Weltraums

Hinter dieser Leistung steht Daniel Estévez, Rufzeichen EA4GPZ, ein spanischer Funkamateur und ausgebildeter Mathematiker, spezialisiert auf digitale Signalverarbeitung (DSP) für Satelliten und Raumsonden. Auf seinem Blog destevez.net, dem die Gemeinschaft seit Langem folgt, dokumentiert er öffentlich und ausführlich die Decodierung von Signalen aus dem All: Satelliten im niedrigen Orbit, Mondmissionen, interplanetare Sonden.

Daniel Estévez ist auch der Schöpfer von gr-satellites, einer Open-Source-Bibliothek für GNU Radio, die zur weltweiten Referenz für die Decodierung der Telemetrie Hunderter Amateur- und Wissenschaftssatelliten geworden ist. Wenn er sich ein neues Signal vornimmt, veröffentlicht er die genauen Parameter, die GNU-Radio-Flowgraphs, die Jupyter-Notebooks seiner Analyse und die Stolpersteine. Für die Gemeinschaft eine didaktische Goldgrube.

💡 Was ist die «Telemetrie» einer Sonde? Es ist der Strom technischer Daten, den ein Raumfahrzeug laufend zur Erde sendet: Batteriezustand, Temperatur, Ausrichtung, Status der Instrumente… Telemetrie zu decodieren heisst nicht, die Sonde zu «hacken»: Man empfängt und interpretiert lediglich ein Funksignal, das sich frei durch den Raum bewegt. Es ist passives Mithören, völlig legal, genau wie das Abhören einer Wetterstation oder eines Satelliten.

🔭 Dwingeloo: ein Radioteleskop von 1956, von Begeisterten wiederbelebt

Um ein so fernes und schwaches Signal zu empfangen, genügt das Ohr eines gewöhnlichen Empfängers nicht: Es braucht eine grosse Antenne. Daniel Estévez stützte sich auf das Radioteleskop Dwingeloo in den Niederlanden, eine Parabolantenne mit 25 Metern Durchmesser und einer bemerkenswerten Geschichte.

Das Radioteleskop Dwingeloo in den Niederlanden, eine 25-Meter-Parabolantenne, mit der Tianwen-2 decodiert wurde

Das Radioteleskop Dwingeloo (25 m) in den Niederlanden. 1956 erbaut, wird es heute vom Amateurverein CAMRAS betrieben. (Wikimedia Commons, CC BY-SA)

Dwingeloo wurde zwischen 1954 und 1956 gebaut und war bei seiner Fertigstellung das grösste Radioteleskop der Welt, ein Titel, den es nur ein Jahr behielt, bis es 1957 vom Lovell-Teleskop (76 m) in Jodrell Bank übertroffen wurde. Nach Jahrzehnten treuer Dienste für die niederländische Radioastronomie wurde das Instrument stillgelegt. Es hätte auf dem Schrott landen können.

Da kam CAMRAS ins Spiel (die Stiftung «C.A. Muller Radio Astronomy Station»), gegründet 2007. Dieser Verein von Funkamateuren und Amateurastronomen hat die Parabolantenne mit dem Einverständnis der Eigentümerin ASTRON vollständig restauriert. Heute nutzen Begeisterte sie für vielfältige Projekte: EME-Verbindungen (Earth-Moon-Earth oder «Moonbounce»), Radioastronomie und vor allem die Verfolgung ferner Raumfahrtmissionen.

✅ Ein Teleskop, das bis an den Rand des Sonnensystems lauscht: 2024 gelang es dem Dwingeloo-Team, das sehr schwache Trägersignal von Voyager 1 nachzuweisen, dem entferntesten von Menschen geschaffenen Objekt, mehr als 24 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Tianwen-2 in «nur» einigen Dutzend Millionen Kilometern zu empfangen, gehört zum selben Bestreben von Amateuren, in den fernen Weltraum hinauszuhorchen.

📡 Anatomie des Signals: alles, was der Funk verrät

Hier wird es spannend für alle, die sich für Funk und DSP begeistern. Daniel Estévez hat die genauen Parameter des Signals von Tianwen-2 veröffentlicht. Hier im Detail, was die Sonde aussendet.

Der Träger im X-Band

Die Sonde sendet im X-Band, dem Frequenzbereich (rund 8 bis 8.5 GHz), den fast alle interplanetaren Raumfahrzeuge für die Kommunikation mit der Erde nutzen. Der Träger von Tianwen-2 liegt genau bei etwa 8428.19 MHz, praktisch auf derselben Frequenz wie bei ihrer grossen Schwester Tianwen-1 (der chinesischen Marsmission). Zum Zeitpunkt der Aufnahmen befand sich die Sonde am Himmel rund 1.1 Grad vom Asteroiden entfernt, und ihr Signal kam mit einem ausgezeichneten Signal-Rausch-Verhältnis an.

💡 Warum das X-Band? Frequenzen um 8 GHz bieten einen guten Kompromiss: hoch genug für Richtantennen und eine hohe Datenrate, dabei kaum von Atmosphäre und Ionosphäre beeinflusst. Es ist das bevorzugte Band des Deep Space Network der NASA und der meisten interplanetaren Sonden. Bei diesen Frequenzen beträgt die Wellenlänge nur ~3.5 cm, was eine sehr genaue Antennenausrichtung erfordert.

Modulation und Rahmenstruktur

Das Signal verwendet eine PCM/PSK/PM-Modulation, dieselbe wie Tianwen-1. Konkret modulieren die digitalen Daten einen Hilfsträger, der seinerseits per Phasenmodulation auf den Hauptträger aufgebracht wird. Die gemessenen Parameter sind die folgenden:

ParameterMesswert
Trägerfrequenz≈ 8428.19 MHz (X-Band)
ModulationPCM / PSK / PM
Hilfsträgerfrequenz65 536 Hz (2¹⁶)
Telemetrierate16384 Baud (2¹⁴)
Rahmenlänge892 Bytes (genaue Dauer: 1 Sekunde)
RahmenformatAOS CCSDS (ohne Feld zur Rahmenfehlerkontrolle)
Raumfahrzeugkennung (SCID)0xED
Aktiver virtueller KanalNur VC 1
Insert Zone8 Bytes (Funktion nicht identifiziert)
DatenpaketeCCSDS-Pakete von 100 bis 200 Bytes, mehrere Dutzend APIDs

Auffällig ist, dass der Hilfsträger (65536 Hz) und die Rate (16384 Baud) Zweierpotenzen sind, eine elegante und in Raumfahrtsystemen häufige technische Wahl. Die Rahmenstruktur folgt dem Standard CCSDS (Consultative Committee for Space Data Systems), dem «Esperanto» der Weltraumtelekommunikation, das fast alle Agenturen weltweit verwenden. Dadurch sind die Signale für Kenner der Regeln vergleichsweise gut entschlüsselbar.

🧩 Die Codierung: Reed-Solomon, und warum Tianwen-2 es besser macht als Tianwen-1

Wenn ein Signal Hunderte Millionen Kilometer zurücklegt, kommt es auf der Erde im Rauschen versunken an. Um die Daten fehlerfrei zurückzugewinnen, setzt man fehlerkorrigierende Codes ein. Tianwen-2 verwendet eine verkettete Codierung: Die Daten werden zuerst durch einen Reed-Solomon-Code (äussere Codierung) und dann durch einen Faltungscode (innere Codierung) geschützt, eine klassische, vom CCSDS empfohlene Architektur.

Das pikante Detail liegt im Vergleich mit Tianwen-1. Auch die Marssonde nutzte Reed-Solomon, aber mit einem etwas «zusammengebastelten» Trick: Um die Daten in einen Rahmen von 256 Bytes zu bringen, mussten bei jedem Codewort 3 Bytes weggelassen werden, eine Verkürzung, die die Decodierung auf Amateurseite erschwerte.

Tianwen-2 hingegen verwendet eine durchdachtere Rahmenlänge: Vier verschachtelte Reed-Solomon-Codewörter passen haargenau hinein, ohne dass etwas abgeschnitten werden muss. Ein Detail, das unscheinbar wirken mag, aber jedem Funkamateur, der die Mission von zu Hause aus verfolgen will, das Leben deutlich erleichtert.

🛰️ Tianwen-1 (Mars)

Reed-Solomon mit einem Rahmen von 256 Bytes, erreicht durch Weglassen von 3 Bytes pro Codewort. Ein Umweg, der bei der Decodierung zusätzliche Verrenkungen erforderte.

☄️ Tianwen-2 (Asteroid)

Verkettete Codierung mit 4 verschachtelten Reed-Solomon-Codewörtern, die perfekt in den Rahmen passen. Sauberer, standardnäher, leichter zu decodieren.

💡 Was ist der Reed-Solomon-Code? 1960 erfunden, ist es dieselbe Art von Fehlerkorrekturcode, die Ihre CD, DVD, QR-Codes und Festplatten vor Kratzern und Fehlern schützt. Er erlaubt es, aus Redundanzbytes verlorene oder beschädigte Bytes wiederherzustellen. Im Weltraum, wo eine erneute Übertragung Minuten an Verzögerung und wertvolle Energie kostet, ist die Fehlerkorrektur «im Flug» lebenswichtig.

🛠️ Die Werkzeuge: GNU Radio und Open Source im Zentrum der Decodierung

Um ein rohes Funksignal in lesbare Daten zu verwandeln, stützt sich Daniel Estévez hauptsächlich auf GNU Radio, ein Open-Source-Framework für digitale Signalverarbeitung. Das Prinzip: Man setzt grafisch (oder in Python) eine Kette von Blöcken zusammen (Demodulator, Filter, Taktrückgewinnung, Viterbi-Decoder, Deinterleaver, Reed-Solomon-Decoder), die die Aufnahme Sample für Sample verarbeitet.

Oberfläche von GNU Radio Companion, der Open-Source-Software zur Decodierung des Signals von Tianwen-2

GNU Radio Companion: Man baut die Signalverarbeitungskette, indem man Blöcke miteinander verbindet. Das Referenzwerkzeug zur Decodierung von Weltraumtelemetrie. (Wikimedia Commons)

Die Analyse der Rahmen und das «Reverse Engineering» der Datenstruktur erfolgen anschliessend in Jupyter-Notebooks, mit denen sich die CCSDS-Pakete visualisieren, sortieren und interpretieren lassen. Alles ist auf dem Blog des Autors Schritt für Schritt öffentlich dokumentiert, sodass jeder die Arbeit nachvollziehen oder weiterführen kann.

⚠️ Kleine Enttäuschung, grosses Versprechen: Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme befand sich die Sonde in der Reisephase (Coast Phase) mit minimaler Aktivität, der Inhalt der Daten war also nicht spektakulär. Doch darum geht es nicht: Wer die Decodierkette jetzt beherrscht, ist bereit für die entscheidenden Momente, die noch kommen, etwa das Einschwenkmanöver beim Asteroiden und später die Rückkehr der Probenkapsel zur Erde.

🚀 Tianwen-2: eine beispiellose Doppelmission

Doch was tut diese Sonde eigentlich, und warum lohnt es sich, ihr zuzuhören? Tianwen-2 (天问二号, «Fragen an den Himmel Nr. 2») ist die zweite Mission des chinesischen Programms zur Planetenerkundung, nach Tianwen-1, die 2021 einen Orbiter und einen Rover zum Mars brachte. Am 28. Mai 2025 mit einer Rakete vom Typ Langer Marsch 3B vom Raumfahrtzentrum Xichang gestartet, verfolgt sie ein doppeltes Ziel von seltenem Ehrgeiz.

Start einer Rakete Langer Marsch 3B, der Trägerrakete der Sonde Tianwen-2

Eine Rakete Langer Marsch 3B beim Start. Diese Trägerrakete brachte Tianwen-2 am 28. Mai 2025 auf den Weg. (Wikimedia Commons)

Phase 1: eine Probe von Kamo'oalewa entnehmen (2025-2027)

Nach rund 13 Monaten Flug soll die Sonde im Juni/Juli 2026 den erdnahen Asteroiden 469219 Kamo'oalewa erreichen. Ziel: von seiner Oberfläche eine Probe entnehmen und zur Erde bringen, eine Leistung, die bisher nur Japan (Hayabusa und Hayabusa2) und den USA (OSIRIS-REx) gelungen ist. Gemäss Missionsplan soll die Sonde den Asteroiden im April 2027 verlassen und ihre Probenkapsel um November 2027 zur Erde abwerfen.

Schema des Ablaufs der Mission Tianwen-2, vom Asteroiden Kamo'oalewa zum Kometen 311P/PANSTARRS

Schema des Ablaufs der Mission Tianwen-2: Probenentnahme auf Kamo'oalewa, Rückführung der Probe, danach Kurs auf den Kometen 311P/PANSTARRS. (Wikimedia Commons / CNSA)

Phase 2: einen Kometen des Hauptgürtels erkunden (bis 2035)

Und hier wird die Mission einzigartig: Nach dem Abwurf der Kapsel hört das Mutterschiff nicht auf. Es bricht zu einer mehrjährigen Reise zum Kometen 311P/PANSTARRS auf, einem seltenen sogenannten «Hauptgürtelkometen» (zwischen Mars und Jupiter). Die Ankunft ist um 2035 geplant, für ein Jahr Nahbeobachtung mit den Instrumenten. Insgesamt dauert die Mission fast zehn Jahre.

✅ Warum das so spannend ist: eine einzige Sonde, zwei grundverschiedene Himmelskörper (ein erdnaher Asteroid UND ein aktiver Komet), mit Probenrückführung. Schon das Missionskonzept ist eine Weltpremiere. Das chinesische Raumfahrtprogramm reiht damit erstklassige technologische Demonstrationen aneinander.

☄️ Kamo'oalewa: ein Mondfragment als Begleiter der Erde?

Das Ziel der Phase 1 ist alles andere als gewöhnlich. 469219 Kamo'oalewa (früher als 2016 HO3 bezeichnet) wurde am 27. April 2016 vom Überwachungsteleskop Pan-STARRS 1 auf dem Gipfel des Haleakalā auf Hawaii entdeckt. Sein Name, einem hawaiischen Schöpfungsgesang entnommen, bedeutet sinngemäss «das schwingende Himmelsfragment», eine poetische Anspielung auf seine Bewegung am Himmel.

Entdeckungsbild des Asteroiden 2016 HO3 Kamo'oalewa durch das Teleskop Pan-STARRS

Entdeckungsbild von Kamo'oalewa (2016 HO3) durch Pan-STARRS am 27. April 2016. Der Asteroid erscheint als Punkt in der Mitte, während seiner Bewegung nachgeführt. (Wikimedia Commons)

Ein «Quasi-Satellit» der Erde

Kamo'oalewa ist ein sogenannter Quasi-Satellit der Erde: Er umkreist nicht unseren Planeten (er ist nicht gravitativ an ihn gebunden), sondern die Sonne, auf einer Bahn, die der unseren so nahe ist, dass er uns zu «begleiten» scheint. Er pendelt ober- und unterhalb der Ebene der Erdbahn und bleibt in einer Entfernung zwischen dem 38- und 100-Fachen der Distanz Erde-Mond. Er ist einer der stabilsten und erdnächsten bekannten Quasi-Satelliten.

Diagramm der Umlaufbahn von Kamo'oalewa um die Sonne als Quasi-Satellit der Erde

Die Bahn von Kamo'oalewa (gelb) im Vergleich zur Erdbahn (blau): ein Quasi-Satellit, der unseren Planeten auf seinem Weg um die Sonne begleitet. (Wikimedia Commons)

Ein Stück vom Mond?

Das Objekt ist klein: zwischen 40 und 100 Metern Durchmesser, länglich, und es dreht sich sehr schnell um sich selbst, eine Umdrehung etwa alle 28 Minuten. Seine faszinierendste Eigenschaft liegt aber anderswo: Sein Lichtspektrum ähnelt dem von Mondmaterial, das durch Weltraumverwitterung verändert wurde. Mehrere Studien legen nahe, dass er ein vom Mond weggeschleudertes Fragment sein könnte, entstanden bei einem Einschlag vor 1 bis 10 Millionen Jahren. Ein möglicher Kandidat ist der Mondkrater Giordano Bruno (22 km Durchmesser).

«Ist Kamo'oalewa tatsächlich ein Stück vom Mond, dann würde Tianwen-2 eine Mondprobe völlig neuer Art zur Erde bringen, durch einen Einschlag herausgerissen und seit Millionen Jahren unverändert. Genug, um ein Kapitel in der Geschichte unseres natürlichen Satelliten neu zu schreiben.»

🤖 Wie entnimmt man eine Probe auf einem winzigen Asteroiden?

Auf einem Körper von einigen Dutzend Metern ist die Schwerkraft nahezu null: Eine «Landung» im klassischen Sinn ist unmöglich. Tianwen-2 hat deshalb zwei Entnahmetechniken an Bord, von denen eine noch nie auf einem Asteroiden versucht wurde:

👆 «Touch-and-go»

Die Sonde berührt die Oberfläche einige Sekunden lang und wirbelt mit Gas oder einem Mechanismus Staub in einen Sammelbehälter, dann steigt sie sofort wieder auf. Diese Methode hat sich bei Hayabusa2 (JAXA) und OSIRIS-REx (NASA) bewährt.

⚓ «Anchor-and-attach»

Eine Weltpremiere auf einem Asteroiden: Die Sonde verankert sich mit vier mit Bohrern bestückten Roboterarmen an der Oberfläche und entnimmt die Probe direkt. Ideal für einen schnell rotierenden Körper wie Kamo'oalewa.

Schema der Entnahmemethode durch Verankerung (anchor-and-attach) von Tianwen-2 auf dem Asteroiden

Die Methode «anchor-and-attach»: Tianwen-2 verankert sich mit seinen Bohrarmen, um die Probe zu entnehmen. Eine auf Asteroiden neue Technik. (Wikimedia Commons / CNSA)

Für ihre heiklen Manöver und ihre lange Reise verfügt Tianwen-2 über einen gemischten Antrieb (solarelektrischer Ionenantrieb für die langen Strecken und chemische Triebwerke für schnelle Manöver) und eine ganze Reihe wissenschaftlicher Instrumente: Multispektralkameras, Infrarot- und Wärmestrahlungsspektrometer, Radar, Magnetometer, Teilchenanalysatoren, Navigationssensoren… genug, um ihre beiden Ziele von allen Seiten zu untersuchen.

Schema der Sonde Tianwen-2 und ihrer Instrumente

Schema der Sonde Tianwen-2 und ihrer wichtigsten Elemente. (Wikimedia Commons / CNSA)

💡 Ein inspirierendes Vorbild: Im Dezember 2020 brachte die japanische Sonde Hayabusa2 erfolgreich Fragmente des Asteroiden Ryugu zur Erde. Ihre Kapsel durchquerte die Atmosphäre und landete in Australien. Genau diese Art von Meisterleistung will Tianwen-2 wiederholen, mit einem Kometen als Zugabe.

Die Sonde Hayabusa2 beim Abwurf ihrer Probenkapsel zur Erde, Vorbild für Tianwen-2

Künstlerische Darstellung von Hayabusa2 beim Abwurf ihrer Probenkapsel von Ryugu zur Erde (2020). Tianwen-2 wird 2027 einem ähnlichen Ablauf folgen. (Wikimedia Commons)

🎯 Eine interplanetare Sonde empfangen: auch für Amateure machbar?

Die Leistung von Daniel Estévez zeigt einen grundlegenden Trend: Die Beobachtung des fernen Weltraums ist nicht mehr den staatlichen Agenturen vorbehalten. Doch seien wir ehrlich: Eine Sonde in Dutzenden Millionen Kilometern Entfernung zu decodieren, bleibt eine ernsthafte Herausforderung, die Ausrüstung und Können erfordert.

Die Hauptschwierigkeit ist die Empfindlichkeit. Das Signal kommt äusserst schwach an: Es braucht eine grosse Antenne und einen sehr rauscharmen Empfänger. Der kanadische Funkamateur Scott Tilley (VE7TIL), bekannt dafür, «verlorene» Satelliten wiedergefunden zu haben, versuchte ebenfalls, Tianwen-2 zu empfangen, doch mit einer Parabolantenne von nur 1.5 m war das Signal-Rausch-Verhältnis zu gering, um die Daten zu erfassen und zu decodieren. Daher der Nutzen einer gemeinsam genutzten grossen Antenne wie Dwingeloo oder von Antennenverbünden.

Was es theoretisch braucht

# «Deep Space»-Empfangskette im X-Band
Antenne : grosse Parabolantenne (mehrere Meter), präzise ausgerichtet
Front-end : X-Band-Feed (~8.4 GHz) + extrem rauscharmer LNA (LNB)
SDR : breitbandiger Abtastempfänger (USRP usw.)
Software : GNU Radio + gr-satellites (Demod. PCM/PSK/PM)
Dekodierung : Viterbi + Deinterleaving + Reed-Solomon (CCSDS)
Analyse : Jupyter-Notebooks zur Interpretation der Frames

Für die allermeisten Funkamateure wird der Empfang einer interplanetaren Sonde im Alleingang unerreichbar bleiben. Dafür machen Gemeinschaftsprojekte (Vereine wie CAMRAS, Netzwerke von Amateurantennen, Austausch von I/Q-Aufnahmen) solche Experimente allen zugänglich, die sich engagieren möchten. Vor allem aber sind die hier eingesetzten DSP-Kenntnisse (Demodulation, Taktrückgewinnung, Fehlerkorrekturcodes, CCSDS) genau jene, die man beim Dekodieren viel bescheidenerer Satelliten in niedriger Umlaufbahn oder beim EME-Betrieb erwirbt.

✅ Wo anfangen, etwas bescheidener? Bevor man eine Marssonde ins Visier nimmt, kann man sich mit einem RTL-SDR-Stick für 30 CHF und einer einfachen Antenne an die Weltraumdekodierung heranwagen: Empfang von Wetterbildern der NOAA-/Meteor-Satelliten auf VHF, Telemetrie von Cubesats, Signale der ISS… GNU Radio und gr-satellites funktionieren bereits auf diesem Niveau. Das ist die beste Schule, um eines Tages höher und weiter zu zielen.

📅 Chronologie der Mission Tianwen-2

27. April 2016
Entdeckung von Kamo'oalewa (2016 HO3) durch das Teleskop Pan-STARRS 1 auf Hawaii.
28. Mai 2025
Start von Tianwen-2 mit einer Rakete vom Typ Langer Marsch 3B in Xichang (China).
Mai 2026
Dekodierung der Telemetrie durch Daniel Estévez (EA4GPZ) über das Radioteleskop Dwingeloo. Signal im X-Band auf 8428.19 MHz.
Juni-Juli 2026
Ankunft bei Kamo'oalewa. Einschwenken, Charakterisierung und anschliessend Probenentnahme (Touch-and-go / Verankerung).
April 2027
Abflug vom Asteroiden mit der Probe auf dem Weg zur Erde.
November 2027
Rückkehr der Probenkapsel zur Erde. Das Mutterschiff fliegt weiter zur Kometenphase.
~2035
Ankunft beim Kometen 311P/PANSTARRS für rund ein Jahr Beobachtung aus nächster Nähe. Ende einer rund 10-jährigen Mission.

📻 Was diese Meisterleistung über den modernen Amateurfunk aussagt

Über die technische Anekdote hinaus steht diese Geschichte sinnbildlich dafür, was der Amateurfunk im 21. Jahrhundert geworden ist:

🌍 Citizen Science

Amateure leisten einen echten Beitrag: Verfolgung von Missionen, Erkennen von Anomalien, Archivierung von Signalen. Im Bereich DSP verschwimmt die Grenze zwischen Amateur und Profi.

💻 Software-defined Radio

SDR und Open Source (GNU Radio, gr-satellites) haben Verarbeitungen demokratisiert, die früher Labors vorbehalten waren. Das Wissen zirkuliert frei und ist online dokumentiert.

🤝 Teilen und Transparenz

Daniel Estévez veröffentlicht alles: Parameter, Code, Methoden, Fehlschläge. Das ist der Ham Spirit in Reinform, übertragen ins Zeitalter von Digitaltechnik und Raumfahrt.

🔭 Wiederverwendetes Erbe

Ein Radioteleskop von 1956, von einem Amateurverein vor der Verschrottung gerettet, dient heute dazu, Voyager 1 und Tianwen-2 zu empfangen. Die Vergangenheit im Dienst der Erforschung von morgen.

🇨🇭 Und in der Schweiz? Weltraumempfang bei den HB9

Die Schweizer Funkamateure stehen beim Weltraumempfang und bei der Signalverarbeitung nicht zurück. Mehrere Mitglieder von HB9-Clubs betreiben EME (Mondreflexion) auf den VHF/UHF- und SHF-Bändern, den Empfang von Amateurfunksatelliten und das Abhören der entferntesten Bake der Erde, Voyager inbegriffen, mit immer leistungsfähigeren Stationen. Die Kenntnisse, die zur Dekodierung von Tianwen-2 eingesetzt wurden (SDR, GNU Radio, Antennen mit hohem Gewinn), sind genau jene, die wir in unseren Clubs pflegen.

Die Schweiz mit ihrer Tradition der Präzisionsuhrmacherei und Ingenieurskunst zählt auch sehr aktive Amateure auf den Mikrowellenbändern (23 cm, 13 cm und darüber hinaus), wo das X-Band gar nicht mehr so weit entfernt ist. Die USKA und regionale Clubs wie HB9V fördern solche Experimente, welche die Grenzen dessen verschieben, was ein Amateur erreichen kann. Eine interplanetare Sonde vom eigenen Garten aus zu dekodieren, ist vielleicht nicht für alle schon morgen möglich, aber der Empfang von Satelliten liegt durchaus in Ihrer Reichweite.

📊 Steckbrief

InformationDetail
Die LeistungDekodierung der Telemetrie von Tianwen-2 (Mai 2026)
FunkamateurDaniel Estévez, Rufzeichen EA4GPZ (Spanien)
Verwendete AntenneRadioteleskop Dwingeloo (25 m, Niederlande), betrieben von CAMRAS
Frequenz≈ 8428.19 MHz (X-Band)
ModulationPCM/PSK/PM, Unterträger 65'536 Hz, 16'384 Baud
KodierungVerkettet (Reed-Solomon + Faltungscode), 4 verschachtelte RS-Codewörter, Frame von 892 Bytes
ToolsGNU Radio, gr-satellites, Jupyter-Notebooks (Open Source)
Die SondeTianwen-2 (China), gestartet am 28. Mai 2025 (Langer Marsch 3B)
Ziel 1Asteroid 469219 Kamo'oalewa (2016 HO3), 40-100 m, Quasi-Satellit der Erde
Ziel 2Komet 311P/PANSTARRS (Hauptgürtel), Ankunft ~2035
ProbenrückführungGegen November 2027

❓ Häufige Fragen

Ist es legal, eine Raumsonde abzuhören?

Ja. Es handelt sich um passives Empfangen eines Funksignals, das sich frei im Weltraum ausbreitet. Man empfängt und interpretiert nur: Man sendet nichts zur Sonde und «hackt» sie nicht. Das ist genauso legal wie das Empfangen eines Wettersatelliten.

Warum eine so grosse Antenne (25 m)?

Weil das Signal nach Dutzenden Millionen Kilometern extrem schwach ankommt. Der Gewinn und die Empfangsfläche einer grossen Parabolantenne sind unerlässlich, um die Daten aus dem Rauschen zu holen. Anderen Amateuren hat eine Parabolantenne von 1.5 m nicht gereicht.

Was hat man aus der Dekodierung gelernt?

Da sich die Sonde in der Reisephase befand, enthielt die Telemetrie nichts Spektakuläres. Das Interesse ist methodischer Natur: die Dekodierkette validieren, um für die kritischen Phasen bereit zu sein (Einschwenken, Probenentnahme, Rückkehr).

Wie steigt man in den Satellitenempfang ein?

Mit einem RTL-SDR-Stick (~30 CHF), einer passenden Antenne und kostenloser Software (SDR#, GNU Radio, gr-satellites) kann man NOAA-Wetterbilder, Telemetrie von Cubesats und Signale der ISS empfangen. Der ideale Einstieg.

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📖 Quellen: Daniel Estévez (destevez.net, «Decoding Tianwen-2», Mai 2026), Hackaday, Korben.info, Wikipedia (Tianwen-2, 469219 Kamo'oalewa, Dwingeloo Radio Observatory), CAMRAS (camras.nl), The Planetary Society, NASA/JPL. Bilder: Wikimedia Commons (gemeinfrei / CC BY-SA) und Missionsschemas der CNSA.

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